Shaolin
少林
"Alle Kampfkünste der Welt sind unter der Sonne Shaolins entstanden."
Chinesisches Sprichwort
Kampfkunst ist weit mehr als nur der Kampf, es ist eine Ausbildung der Persönlichkeit und des Geistes. Das lebenslange, bewusste Training einer Kampfkunst ist ein einzigartiger Weg, um die eigene Persönlichkeit zu vervollkommnen. Viele asiatische Kampfkünste sind daher eng mit einer Philosophie verbunden, die die Ausbildung positiver Charaktereigenschaften und Wertvorstellungen zum Ziel hat. Die philosophische Basis der Shaolin ist der Chan-Buddhismus; das Tai Chi Quan wurde vom Daoismus geprägt.
Buddismus
Der indische Prinz Siddhartha Gautama (später als Buddha, "der Erleuchtete" bezeichnet) ist der Begründer des Buddhismus. Er lebte von 563 v.Chr. bis vermutlich 483 v.Chr. im nordindischen Fürstentum Kapilavastu. Schon frühzeitig erkannte er, dass Reichtum und Luxus kein Garant für Glück sind und versuchte, die wahre Natur des menschlichen Glücks zu ergründen. Nach Jahren der Askese, des Studiums und der Meditation erlangte er schließlich im Alter von 35 Jahren die "Erleuchtung". Den Rest seines Lebens verbrachte er damit, die von ihm begründete Vierfache Gemeinschaft in der buddistische Lehre des Dharma (Sanskrit) bzw. Dhamma (Pali) zu unterweisen.
Der Buddhismus verbreitete sich über ganz Asien und begründete verschiedene Traditionen, wie Theravada in Südostasionen, Mahayana in Zentral- und Ostasien und Vajrayana in der Himalaja-Region. Aus dem Mahayana ging schließlich der Chan-Buddhismus hervor.
Der Buddhismus unterscheidet sich grundlegend von einer Religion nach westlichen Verständnis. In seiner ursprünglichen Tradition gibt es weder einen allmächtigen Gott, noch eine ewige Seele. Das Ziel der Buddhisten ist, sich durch ethisches Verhalten und die Entwicklung von Mitgefühl und Weisheit vom ewigen Kreislauf des Leidens (Samsara) zu befreien und damit den Zustand des Nirvana zu erreichen.
Der Chan-Buddhismus ist in China durch die Vermischung des Mahayana mit dem Daoismus und Konfuzianismus entstanden. Begründet wurde diese Tradition durch den indischen Mönch Bodhidharma, der vor 1500 Jahren im Shaolin-Kloster lebte. Im Mittelpunkt steht die Meditation als Weg zur Erleuchtung. Straffes körperliches Training wird als wesentliches Element angesehen, um Körper und Geist frisch und lebensnah zu erhalten.
Der "Dreiteilige Mönch" ist eines der Geheimsymbole Shaolins. Er verdeutlicht das Zusammenspiel der drei philosophischen Elemente der Shaolinlehre: Buddismus, Daoismus und Konfuzianismus.
Daoismus
Der Daoismus ist eine chinesische Philosophie und Religion. Der chinesische Philosoph Laotse gilt als sein Begründer.
Es ist nicht einfach, die genaue Bedeutung von "Dao" (bzw. "Tao") widerzugeben. Die ursprüngliche Wortbedeutung ist "Weg". Der Begriff steht im klassischen Chinesisch aber auch für "Methode", Prinzip" oder "der rechte Weg". Bei Laotse bedeutet "Dao" allerdings "Geheimnis" oder sogar "des Geheimisses noch tieferes Geheiminis", etwas, dem alles zugrunde liegt, das alles durchströmt und nicht in Worte gefasst werden kann, da es sich außerhalb des gewöhnlichen Bewusstseins befindet. Laotse ist der bekannteste Philosoph des Daoismus. Er gilt als Autor des "Dao Te King" ("Das Buch vom Weg und seiner Kraft") und soll im 6. Jahrhundert v.Chr. gelebt haben.
Im Daoismus werden zahlreiche Götter verehrt sowie religiöse Rituale und verschiedene Methoden der Meditation ausgeübt.
Nach der Lehre des Daoismus wird unser Körper und das gesamte Universum von einer vitalen Kraft, dem Chi, durchströmt. Sie ist die Voraussetzung für alles Leben und befindet sich im ständigen Wandel. Kann diese Energie nicht mehr ungehindert fließen, können Krankheiten oder der Tod die Folge sein.
Eine große Rolle spielt der Begriff der Leere. Laotse erklärte, dass der Nutzen eines Gefäßes in seinem Leersein besteht, vergleichbar mit dem Dao, das leer und gleichzeitig unerschöpflich ist. Wenn es dem Menschen gelingt, einen inneren Zustand der Leere und Stille zu erreichen, ist er in der Lage zu erkennen, das alles einen gemeinsamen Ursprung hat und wieder zu diesem zurückkehrt.
Eine weitere Grundlage des Daoismus ist die Erkenntnis, das in allem Existierenden zwei entgegengesetzte Prinzipien wirksam sind, ein männliches (Yang) und ein weibliches (Yin).
Konfuzianismus
Der Konfuzianismus ist eine der bedeutensten Geisteshaltungen in China und ist auch heute noch, trotz mehrerer gesellschaftlicher Systemwechsel, tief im Denken der chinesischen Menschen verwurzelt.
Der im Westen als Konfuzius bekannte Philosoph wurde 551 v.Chr. im damaligen Staat Lu geboren. Sein eigentlicher Name war Qui Zhongni. Später wurde er Kong Fuzi (Meister Kong) genannt. Das wurde dann in Berichten jesuitischer Missionare aus dem 17. Jahrhundert zu "Confucius" übersetzt.
Konfuzius war sehr wissbegierig und eignete sich ein umfangreiches Wissen in den verschiedensten Diziplinen an. Er unternahm außerdem viele Reisen durch das zersplitterte China, um die Lebensweise der Menschen zu studieren. Der Legende nach soll er auf einer dieser Reisen in Luoyang auch dem Philosophen Laotse begegnet sein.
Aus seinen Erkenntnissen und Erfahrungen entwickelte er ein Regelwerk, wie die Ausbildung zu einem sogenannten Edlen (Junzi) erfolgen und wie sich dieser Edle in die Gesellschaft einfügen sollte.
Ein wesentliches Element seiner Lehre ist das Verhältnis zu Staat und Gesellschaft. Loyalität und Pflichterfüllung gehört zu den Grundtugenden. Gute Führung, die Aneignung praxisbezogenen Wissens und die Pflege angemessener gesellschaftlicher Beziehungen sind weitere Anliegen der Lehre.
Über allen anderen Pflichten stehen jedoch die zur Erhaltung und Festigung des familiären Zusammenhaltes.